Auf der Überholspur: die Wahrnehmung des Gegenübers im Web 2.0

Die Geschwindigkeit im Web ist beachtlich, rasant und manchmal schwindel erregend. Aber sie spricht auch noch eine andere Sprache, eine die im Grunde selten bedacht wird und mehr den Turnus zwischen den Zeilen verrät.

Prinzipiell sehe ich mich als Abonnent von Jean-Pol Martins Gedanken, die er en Masse in seinem Blog publiziert. Immer wieder verleiten mich seine Statements zur Recherche und sind eine Erweiterung meines Gedankenguts. Häufig genug treten in mir Widersprüche zu seinem Argumentationsgang auf, da er sehr polarisierende Satzinhalte verwendet. Weder Polarisierung noch Radikalität sind für mich Lösungswege für eine bessere Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Dennoch produziert er wahre Diamanten die es aufzugreifen gilt. (Menschenbild, Neuronen, LdL, Emergenzen) Dies also nur als kurze Beschreibung um einen weiteren Verlauf besser einordnen zu können.

Heute fand für mich wieder ein faszinierendes Beispiel für die Interaktion im Web statt. Ich schrieb einen Comment in seinem Blog, es folgte ein  Austausch über Twitter,  Vertiefungen in den Kommentaren, die dann wieder zu Veränderungen und anderen Richtungen kollaborierten. Das Tempo ist rasant und wenn wir hier permanent von Öffnung von der Lehre sprechen, egal in welchem Kontext, geschieht eigentlich noch viel mehr. Die Öffnung der einzelnen Menschen, das Zusammenwachsen zu einer Gruppe, dessen Größe dynamisch variiert.

Warum ist es für mich so faszinierend? Nun, auch ich ertappe mich immer wieder, dass ich in alten Paradigmen denke. Wenn also ein Professor einen Beitrag in seinem Blog schreibt, habe ich verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Als Studentin zu kritisieren steht da bestimmt nicht an erster Stelle des gesunden Menschenverstandes. Auch wenn ich weit davon entfernt bin obrigkeitshörig zu sein und mir das immer wieder Steine in den Weg legt, finde ich es immer wieder erstaunlich, dass das was ich zu sagen pflege (zugegeben sehr viel😉 ) wider aller Strukturen auch erhört wird.

Ich kann im Grunde nur dazu ermuntern sich der alten, bald egoisitischen Muster zu entledigen, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und offen, sowie authentisch den Dialog zu den Menschen im Web zu suchen. Hier stört weder der Pickel im Gesicht noch der aktuelle Bildungsabschluß. Das Kratzen an der Oberfläche dient dem Mittel zum Zweck um dann in einen regen Austauch oder vertieften Aktionismus zu geraten.

Setzen wir also weiter die Energien aus dem Herzen frei, Vertrauen auf die eigenen Kompetenzen und die Qualitäten der Anderen und gehen so die Probleme unserer Welt an – im Kleinen, wie im Großen.

mel

Ps. Wie immer verzichte ich auf die wissenschaftlichen Analysen. Hier stehen lediglich meine Gedanken und meine Reflektionsprozesse.

10 thoughts on “Auf der Überholspur: die Wahrnehmung des Gegenübers im Web 2.0

  1. Lustig: die ganze zeit überlege ich mir, ob es richtig war, die überschrift „Die Gruppe als Gehirn. Limbisches System: „Ausländer raus““ zu ersetzen durch den ganz faden Titel: „Die Gruppe als Gehirn: eine konkrete Übung“. Aber nun ist es jetzt erledigt. Das bleibt so.

  2. @jean-pol was du im Endeffekt aus diesem Austausch machst, ist nicht wichtig in diesem Kontext. Bedeutend ist, dass du dir Aufgrund meines Kommentares überhaupt Gedanken dazu machst. Das spricht für ein offenes Ohr, das spricht für eine wachsame Wahrnehmung des Gegenübers. Impliziert Wertschätzung und Respekt, soviele Tugenden in dieser Interaktion, wer mag da noch von Werteverfall sprechen? Ich nicht. Mit gutem Beispiel voran gehen und einfach machen sind die Devisen.

  3. Bei der Gelegenheit zum Punkt „Polarisieren und Radikalität“: das ist nicht gewollt. Ich sehne mich nicht danach, zu polarisieren. Ich nehme mir auch immer wieder vor, weniger radikal aufzutreten. Aber es gelingt mir nicht, weil ich immer bemüht bin, mich so auszudrücken, dass es exakt meinen Gedanken entspricht. Erst dann, an den Reaktionen, merke ich, dass es wieder polarisierend war.

  4. Ich stimme zu, Melanie. Ich finde es ebenfalls erstaunlich, dass ich innerhalb weniger Tage, seit ich auf Twitter aktiv bin, sowohl mit Jean-Pol (den ich als „Entwickler der LdL Methode“ aus dem Referendariat kannte – und der entsprechend elfenbeinturm-fern erschien) regen Austausch hatte als auch mit einigen anderen Kollegen zusammen getroffen bin, zu denen ich nun schon ein kollegiales Verhältnis verspüre – obwohl wir uns noch nie gesehen haben.

  5. Danke Andreas, genau da liegt die Stärke, oder nicht? Kollegiale Verhältnisse die zu enormer Größe ansteigen können, wenn sich Live-Treffen realisieren lassen. Da werden Basen geschaffen, die sofort den oft so nutzlosen Small-Talk über Bord werfen. Das nenne ich eine positive Entwicklung.

  6. Es ist hilfreich diese Werte in der Kommunikation immer wieder hoch zu halten: „wachsame Wahrnehmung des Gegenübers. Impliziert Wertschätzung und Respekt“.
    Auch ich versuche von jedem Tag auf den Neuen, Verhaltensweisen zu reflektieren. Offenheit in der Kommunikation ist wohl eine grundlegende Basis dieser Werte. Dennoch bin ich selbst im alten Paradigma verhaftet. Das liegt an meiner Umwelt, weil ich mir durch bestimmte Verhaltensweisen, bestimmte Reaktionen erhoffe. Diese sind zu großen Teilen vorhersehbar und schaffen damit Sicherheit, weil eben ein Großteil meiner Umwelt im alten Paradigma verhaftet ist. Auch wenn ich den Vorteil offener Kommunikation sehr schätze und hier und da mutig einen Vorstoß wage, pralle ich an Reaktionen der Anderen wieder zurück. So ein Paradigmenwechsel scheint sehr viel mit Zutrauen und Mut verbunden zu sein😉

    LG Jana

  7. Liebe Jana,

    vielen Dank für deinen Comment. Ich sehe es ähnlich wie du – die Kommunikation an sich ist gewissen Regeln im Miteinander unterworfen. Wenn dein Umfeld dementsprechend auf deinen vorstoßenden Paradigmenwechsel reagiert ist das eine Gratwanderung. Nur wer immer wieder positiv bestärkt wird kann die Wetterlagen unbeschadet mitnehmen. Auch hier sehe ich die Chancen im Web… 1. muss keiner mit mir reden und 2. sind die Menschen die im Netz mit mir reden anscheinend sehr kommunikativ.😉 Es herrscht eine positive Einstellung dazu. (Die Motivation für diese Einstellung lasse ich hier außen vor.)
    Zutrauen, Mut und Vertrauen in das Gute im Menschen sind mit Sicherheit wichtig, aber sollte auch nicht überschätzt werden. Denn was habe ich denn schon zu verlieren? Ich bin an dem Punkt also nicht mutig, sondern lediglich jemand der Kommunikationswillig ist.😉
    Glg, Mel

  8. Liebe Jana und liebe Mel,
    ihr schreibt sehr richtig, wie wichtig diese positive Wertschätzung und Wahrnehmung des Gegenübers ist. Ich muss sagen, dass mich schon längst der Mut verlassen hätte, innovativ und kommunikativ unterwegs zu sein, wenn ich in meinem Online Netzwerk nicht immer wieder diese Wahrnehmung und Wertschätzung ganz unkompliziet erfahren dürfte. Es kann sich niemand recht vorstellen, welche Bereicherung das für das eigene Bemühen, etwas vorwärts zu bringen bedeutet, wenn man auch von anerkannten Experten auf direktem Weg immer wieder Anregungen erhält und auch der direkte Dialog über viele Grenzen (sprachlich, fachlich, regional, hierarchisch etc) zustande kommt. Hier spielt es keine Rolle, ob ein Student oder ein Uniprofessor bloggt oder twittert oder… es werden alle ernst genommen und wenn jemand auch nur mal schreibt, das es jetzt Zeit für den Friday Latte ist, ist das doch sehr menschelnd…🙂
    Ich möchte an dieser Stelle ganz herzlich allen Menschen danken, die diese offenen Formen der Kommunikation unterstützen und verbreiten helfen!
    Einen schönen Tag wünscht euch allen
    Sigi

  9. Soeben bin ich auf einen Blogeintrag von Maik Riecken – http://riecken.de/index.php/2009/11/facebook_ist_mir_potentiell_zu_teuer/ – gestoßen, der wiederum auf einen hochinteressanten Artikel der ZEIT verweist. Und obwohl auch ich damit von den Netzwerkverbindungen des Web 2.0 profitiert habe, kann ich die dort zum Ausdruck gebrachte grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Zwang zum perpetuierten Netzwerken nur unterschreiben. Da gerade dieser Blog letzteren Gedanken ständig (und besonders im vorliegenden Beitrag) betont, bin ich m.E. hier richtig und möchte ebenfalls schlicht einen Absatz des ZEIT-Artikels – http://www.zeit.de/2009/44/Gesellschaft-Soziale-Netzwerke?page=1 – zitieren:

    Charisma lässt sich nicht mehr durch zeitweilige Abwesenheit steigern, sondern offenbar nur durch Dauerpräsenz in Dauerkommunikation. Das ahnen all jene Abteilungsleiter, Politiker, Musiker und Blogger, die sich einen Freundeskreis auf Facebook, Myspace oder aSmallWorld errichten. Sie ahnen völlig zu Recht, dass Zurückgezogenheit nicht mehr als Ausdruck veredelten Charakters verstanden wird oder gar als Signum schillernder Geheimnisse. Sondern als Arroganz überkommener Macht. […]

    Die Behauptung, dem Web 2.0 hafte Demokratiefreundlichkeit an, ist ein verlogenes Marketingversprechen, ist Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs. Ausgerechnet die vom Bürgertum seit je misstrauisch beäugte Macht der Rhetorik, das Auseinanderklaffen von verführerischer Form und Inhalt, von Schmuck und Argument, ist der ausgesprochen unterhaltsame Wesenskern Sozialer Netzwerke. Ihnen ist eine negative Anthropologie unterlegt, die aristokratischen Selektionsmechanismen folgt: Missliebige Kontaktaufnahmen klickt man kalt weg, jene, die sich aufdringlich oft zu Wort melden, werden kommentarlos ausgeschaltet. Man bewertet Redebeiträge umgehend, indem man anklickt, ob sie einem gefallen. […]

    Das Web 2.0 ist vor- und zugleich nachdemokratisch. Es hebelt nicht nur nationale Gesetzgebung aus, formale Strukturen politischer Partizipation, es verdrängt nicht nur die alten Medien, sondern lässt einen neuen, gleichsam alten Menschentypus auf die Bühne treten: den sozial hyperaktiven, den um Status und Witz kämpfenden Höfling, den reaktionsschnellen und bewertungssüchtigen, den geistreichen Parvenü. Er verachtet all jene, die nicht aus der Deckung kommen.

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